LOB DES UMLAUTS
NOTABENE
Engelmachen und Engeltöten:
Alternierende deutsche Metaphern,
Geläufig und ungeläufig für
Abtreiben und Austragen.
31. Mai 1989
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LOB DES UMLAUTS
EILIGE DEPESCHE AN WOLTER
Es gibt alles. Nur kein lebbares Präsens. Wenn aber doch, dann
unergriffen und unbegreifbar. Und da fragen Sie mich noch nach der Mitte
des Lebens. Das kann nicht Ihr Ernst sein. Das kann bestenfalls Ihr
blutiger Ernst sein.
Das eben ist ja das Leben, daß es nie ist, sondern immer nur war, sein
und gewesen sein wird.
Leben, mit Bedeutsamkeit erheischendem großem L vor dem kleinen "eben" -
in dem sich das Plane und Platte ebenso breitmacht, wie die Vertikale des
Immerzufrüh und Immerzuspät sich hoch- und querstellt - ist nichts als
ein Schreib- und Denkfehler für "leben". Ein Verschreiber, der kreißte
und einen Mythos gebar. Einen Mythos von bodenloser Tragfähigkeit. Dem
nachdenkend, enträtselt sich Leben als Schwingung und Schweben. Aber die
Häuser? Sie schwingen mit. Stehn auf der Kippe felsgewordener Klänge,
auf Simsen bizarr über dem Abgrund hängender Cluster. Dennoch kennen
auch die Klänge kein Präsens. Sie überspannen es.
Glaube ich das? Vielleicht ja. Höre ich das? Kaum. Lebe ich das?
Unmöglich. Ich vergehe in ihm, resonant und räsonnierend. Wenn ich
übermorgen gewesen sein werde, war gerade heute die Mitte. "Erst einen
Tag vor dem letzten", schrieb ich, "stehen wir in der Hälfte unseres
Lebens". Und was tat ich?
Ich schicke ebendiese Depesche schleunigst in die womöglich lichte
Vergangenheit ihres - hoffentlich - baldigen von Ihnen
Empfangenwordenseins.
6. Dezember 1985
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