NOACHS KASTEN

VIII

Als die Flut sich ganz verzogen,
erfand Gott den Regenbogen,
um der Menschheit anzudeuten:
allen Farben, allen Leuten
gilt, dass stets das Sonnenlicht
durch den Flor der Trauer bricht.

Wenn im sanften, leisen Regnen
Licht und Wasser sich begegnen,
bricht der Kummer auf in allen
Farben, die uns gut gefallen,
und ein Trost durchföhnt das Herz
und verlockt es himmelwärts.

Das gibt Kraft, um hier auf Erden
blanken Auges Mensch zu werden
und nach Ordnungen zu streben,
wo nicht Leben gegen Leben
aufsteht und sich niedermacht.
So hat Gott bei sich gedacht.

Und dann hat er ausgesprochen:
"Ewig sei die Angst gebrochen,
ich will mich mit euch verbünden
gegen Unrecht, Dummheit, Sünden,
Und der Regenbogen zeige,
dass ich mich der Welt zuneige!"

BIO-BIBLIOGRAPHISCHES ZU J. R.


Jürgen Rennert, geboren am 12. März 1943 in Berlin-Neukölln. Aufgewachsen in Berlin-West, 1953 Übersiedlung zu den Eltern in die DDR; 1959-62 Ausbildung zum Schriftsetzer; dann Hilfspfleger im Krankenhaus; 1964-75 Werberedakteur im Verlag Volk & Welt, unterbrochen durch anderthalbjährigen Wehrersatzdienst als Bausoldat; 1975 bis Oktober 1990 freischaffend als Lyriker, Essayist, Nachdichter und Übersetzer. 1987 Mitbegründer und Mitveranstalter der „Tage der jiddischen Kultur“ in Berlin-Ost. Bis zur Abwicklung des seit 1990 im Berliner Dom ansässigen „Kunstdienstes der Evangelischen Kirche” im Jahre 2005: feste Mitarbeit als Programmplaner, Referent für Öffentlichkeitsarbeit und stellvertretender Leiter.

1980 Wahl in das P.E.N.-Zentrum der Deutschen Demokratischen Republik. Heinrich-Heine-Preis 1979, Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung 1991.

Publikationen in Auswahl: Poesiealbum 75, 1973; Märkische Depeschen, Gedichte, 1976; Ungereimte Prosa, Essays, 1977; Emma, die Kuh – und andres dazu, Kinderbuch, 1981; Hoher Mond, Gedichte, 1983; Angewandte Prosa. Erfragtes, Zwischengefunktes, Vermittelndes, Essays, 1983; Dialog mit der Bibel, Texte zu Malerei und Grafik aus der DDR, 1984; Der Gute Ort in Weißensee (Herausgabe, Zusammenstellung, Nachwort), 1987; Verlorene Züge, Gedichte, 1990 (im Internet 1997, erweitert als Book on Demand 2001); Flugschriften aus dem Berliner Dom, 1993; Die Weihnachtsgeschichte der Christen, 1998; Noachs Kasten, 1996 und 2004; Märchen von einer, die auszog, das Leben in Bildern zu fangen, Essay, 2006; Hiobs Botschaft, Gedichte, 2008.

Diverse Herausgaben, Vor- und Nachworte, Nachdichtungen und Übersetzungen aus dem Jiddischen, Russischen, Tschechischen, Ungarischen (u. a. Mark Rasumny, Israil Bercovici, Isaac Bashevis Singer, Scholem Alejchem, Alexander Block, Alexander Twardowski, František Hrubín, Vladimir Holan). Video-Dokumentationen zur bildenden Kunst, zusammen mit Piero Houtermans: „Max. Eine Annäherung“, 2007; „Stein, Holz und Eisen – Anna Franziska Schwarzbach“, 2008; „Wieland Schmiedel - Mahn- und Denkzeichen“, 2009.


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